Geschichten zur Ent-Wicklung


Wahrnehmung der Welt

In einem fernen Land stritten sich die Gelehrten darüber, was Wahrheit ist. Der König, ein weiser Mann, rief darauf hin einige Blinde zu sich und bat sie, Teile eines Elefanten zu betasten. Danach fragte er, was denn ein Elefant sei.

Der Blinde, der die Ohren berührt hatte, sagte, dass ein Elefant groß und platt sei. Derjenige, welcher den Rüssel berührt hatte, sagte, dass ein Elefant lang und rund wie ein Rohr ist. " Nein, das stimmt nicht", er sei wie eine Säule, rief derjenige, der die Beine betastet hatte. Ein weiterer berichtete, eine Elefant sei lang und glatt und am Ende spitz. Er hatte die Stoßzähne berührt.

Der König unterbrach sie: "Ihr habt alle recht, aber jeder hat nur ein kleines Stück des Elefanten beschrieben - und genauso ist es mit der Wahrheit. Was wir sehen oder wahrnehmen, ist meist nur ein kleiner Teil dessen, was wirklich ist!"                                           orientalische Geschichte


Der Unterschied

Als der alte Mann bei Sonnenuntergang den Strand entlangging, sah er vor sich einen jungen Mann, der Seesterne aufhob und ins Meer warf. Nachdem er ihn eingeholt hatte, fragte er ihn warum er das denn tue.

Die Antwort war, dass die gestrandeten Seesterne sterben würden, wenn sie bis Sonnenaufgang hier liegen blieben. "Aber der Strand ist viele Meilen lang und Tausende von Seesternen liegen hier", erwiderte der Alte. "Was macht es also für einen Unterschied, wenn Du Dich abmühst?"

Der junge Mann blickte auf den Seestern in seiner Hand und warf ihn in die rettenden Fluten. 

Dann meinte er: "Für diesen einen macht es einen Unterschied."

                                                              Minnesota Literacy Council


 Der Weg der kleinen Schritte

"Siehst du, Momo“, sagte er dann zum Beispiel, „es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

                                                                        aus dem Roman  "Momo" von Michael Ende                


Achtsam im Alltag

Ein weiser Mann wurde gefragt, wieso er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so glücklich sei.

Er sagte: "Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich, ... ".

Der Fragesteller fiel im ins Wort: " Das tun wir doch auch, was ist dein Geheimnis? " 

Er antwortete: "Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich, ... ".

Wieder sagten die Leute: " Aber das tun wir doch auch!"

Aber er erwiderte: " Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, und wenn ihr lauft, seid ihr schon am Ziel."                                                         orientalische Geschichte  


Palast der 1000 Spiegel -

Die Freiheit der persönlichen Entscheidung

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren in Indien.

Da stand mitten im Urwald ein großer Tempel aus purem Gold. Seine Innenwände waren mit 1000 Spiegeln ausgekleidet, so daß jeder, der in diesen Tempel trat, sich tausendfach spiegelte.

Da geschah es einmal, dass ein Hund sich dahin verirrte. Er freute sich über seine Entdeckung und glaubte, nun ein reicher Hund zu sein, als er das äußere Gold sah. Er ging in den Tempel der 1000 Spiegel hinein. - Da sah er sich 1000 anderen Hunden gegenüber - Er wurde furchtbar wütend, weil ihm die anderen zuvorgekommen waren und fing an zu bellen. Jedoch die 1000 Hunde bellten zurück, waren sie doch seine Spiegelbilder. Da steigerte sich sein Zorn noch mehr, aber der seiner Gegenüber auch. Sein Wut wurde schließlich so groß, dass sie ihn vernichtete er tot umfiel.

Es vergingen viele Jahre. Da geschah es wieder, dass ein Hund zum Tempel der 1000 Spiegel kam. Auch er freute sich über seine Entdeckung. Auch er ging hinein, und auch er sah sich 1000 Hunden gegenüber. Aber er freute sich, dass er in der Einsamkeit Gesellschaft gefunden hatte und wedelte mit dem Schwanz. Da wedelten die 1000 Hunde  zurück, und er freute sich, dass die anderen sich freuten, und die Freude wollte kein Ende finden. Deshalb ging er öfter dahin, um sich zusammen mit den anderen zu freuen.                                                                                                           orientalische Geschichte